Über Unabhängigkeit, Abhängigkeit und Selbstliebe

Gestern abend habe ich mir den Film „Madame Bovary“ angeschaut. Das Buch steht schon ewig in meinem Regal und wartet darauf gelesen zu werden, aber nun wurde es eben erstmal der Film. In dem Film geht es um eine Frau im 19. Jahrhundert, die so abhängig ist, wie eine Frau wohl nur sein kann. Sie wächst im Kloster auf, wird dann direkt verheiratet und lebt fortan im Haus ihres Mannes. Sie versucht sich Freiheiten zu erschließen, schafft das aber nicht wirklich, lebt sehr in ihrer eigenen Traumwelt und bringt sich am Ende um. So meine sehr kurze Zusammenfassung. Jedenfalls musste ich in diesem Zusammenhang mal wieder über die beliebten Themen Abhängigkeit und Unabhängigkeit nachdenken, insbesondere über Abhängigkeit und Unabhängigkeit innerhalb einer Beziehung.

Beliebt schreibe ich, weil heutzutage so ziemlich jede Frau, die ich kenne darüber redet, wie wichtig ihr ihre Unabhängigkeit ist. Man will sich nicht auf einen Mann einlassen, sich in Beziehungen nicht festlegen, weil man eben unabhängig bleiben möchte. Seine Freiheiten haben möchte. Aber was ist denn Unabhängikeit überhaupt und kann man diese nicht auch haben, wenn man in einer sehr engen Beziehung lebt? Ich denke nämlich ja!

Zunächst einmal muss man da überlegen, was das eigentlich bedeutet, unabhängig zu sein. Bzw. können wir überhaupt komplett unabhängig sein? Wir sind alle permanent auf andere Menschen angewiesen und es ist uns überhaupt nicht möglich, wirklich unabhängig zu sein. Wir sind abhängig von den Supermärkten, von den Bauern, von den Stromwerken, von der Müllabfuhr, von unseren Geldgebern (egal ob Staat, Kunden, Arbeitgeber…) usw. selbst wenn ihr uns auf’s Land zurückziehen, unser eigenes Gemüse anbauen und unser Grundstück nicht mehr verlassen, sind wir noch abhängig von Strom, Wärme, Telefonanschluss etc. Ganz abgesehen davon, sind wir soziale Wesen, wir sind abhängig von Nähe, von Liebe, von menschenlichen Kontakten.  Also so gesehen können wir gar nicht unabhängig sein. Das bedeutet allerdings natürlich nicht, dass wir nicht trotzdem frei in unseren Entscheidungen sein können. Wir können entscheiden, welchen Strom wir beziehen, wo wir einkaufen und mit wem wir unsere Zeit verbringen. Freiheit und Unabhängigkeit sind daher für mich zwei zu differenziernde Begriffe.

Was unterscheidet nun die die Abhängigkeit gegenüber z.B.  den Supermärkten/Stromanbietern/Telefonanbietern/Geldgebern von der Abhängigkeit die wir z.B. einem Partner gegenüber spüren? Oder anders gesagt: warum finden wir es okay, dass wir von ganz vielen Institutionen und Menschen abhängig sind, aber sagen, dass wir gegenüber unserem Partner unabhängig sein möchten?

Meiner Meinung und Erfahrung nach, hat das viel damit zu tun, in wie weit wir uns emotional abhängig machen. Wir haben keine besonders emotionale Bindung zum Supermarkt, wohl aber zu unserem Partner. Wir haben auch keine besonderen Ansprüche an den Supermarkt, solange wir dort einkaufen können, was wir brauchen, wohl haben aber viele Menschen sehr hohe Ansprüche an ihren Partner. Wenn wir Ansprüche haben, liegt auch Enttäuschung nicht weit entfernt, da man als Mensch unmöglich alle Ansprüche eines anderen Menschen erfüllen kann. Beginnen wir also uns in eine emotionale Abhängigkeit in Bezug auf unseren Partner zu begeben, liegt auch Frustration nicht allzu weit entfernt. Das kann eine Enttäuschung sein, weil der Partner Erwartungen nicht erfüllt, das kann aber auch sein, dass der Partner schlechte Laune hat (jeder hat mal einen fiesen Tag) und wir daraufhin auch schlechte Laune haben und sauer auf unseren Partner sind, weil er uns den Tag mit seiner Laune versaut hat.

Stop. Hier machen wir mal Pause… jeder erwachsene Mensch hat ein Recht drauf, auch mal schlechte Laune zu haben (übrigens auch jedes Kind, aber das ist ein anderes Thema) und wenn diese schlechte Laune von jemand anders uns beeinträchtigt, dann weil wir es zulassen und nicht weil der Partner Schuld daran ist. Dann weil wir uns in eine emotional co-Abhängigkeit begeben haben. Nun sehnen wir uns auf der einen Seite nach Unabhängigkeit, aber begeben uns gleichzeitig häufig selbst in eine co-Abhängigkeit und lassen zu, dass andere über unsere Emotionen bestimmen.

Wenn man den Gedanken jetzt kritisch weiter denkt, könnte es dann sein, dass viele Frauen, die sich Unabhängigkeit wünschen, eigentlich viel eher auf der Suche danach sind, emotional unabhängig zu sein? Könnte es sein, dass viele  Frauen in ihrer Beziehung unzufrieden sind, weil sie nicht mehr „bei sich“ sind, sondern ihre Gefühle den Gefühlen des Partners anpassen? Und das dann evt. anders interpretieren und die Unzufriedenheit, die sie verspüren auf ihren Partner projezieren? Und sich dann abhängig fühlen, weil sie emotional co-abhängig geworden sind? Und sich dann trennen – weil sie dann eben nicht mehr emotional co-abhängig sein müssen und, wenn sie nun wieder allein sind, sich nur mit ihren eigenen Emotionen herumschlagen müssten?

Und wenn das so sein sollte, wäre es dann nicht viel sinnvoller, sich aus der Co-Abhängigkeit zu lösen und der Beziehung eine Chance zu geben? Und dann eine wirklich erfüllte glückliche Beziehung zu führen, in der jeder seine Launen haben darf, ohne das sich der andere deswegen den Tag vermiesen lässt?

Mein Mann und ich jedenfalls haben gemerkt, dass es uns so sehr viel besser geht. Wir neigen beide dazu, dass wir immer möchten, dass es dem anderen gut geht. Manchmal so weit, dass es uns wichtiger ist, dass es dem anderen gut geht, als dass es uns selbst gut geht. Dabei geht es uns dann am Ende beiden nur schlechter, weil wir natürlich eher uns selbst vergessen und alles tun, damit es dem anderen gut geht. Gleichzeitig ist man in so einem Teufelskreis schnell enttäuscht, wenn es dem anderen dann nicht gut geht, weil man doch eigentlich alles tut, damit es ihm gut geht. Seit wir dem jeweils anderen erlauben schlechte Laune zu haben, seit wir dem jeweils anderen zutrauen, dass er selbst für sein Glück verantwortlich ist, seitdem lebt es sich sehr viel harmonischer. Und wir fühlen uns beide sehr viel freier – weniger abhängig!

Wir können also wunderbar gut jeden Tag und jeden Abend miteinander verbringen und uns trotzdem frei und unabhängig fühlen. Weil wir emotional frei und unabhängig sind. Weil wir uns erlauben, unsere Launen zu haben und uns dabei nicht schlecht fühlen müssen, weil wir uns selbst treu bleiben können, „bei uns“ bleiben können und uns nicht für den anderen verbiegen, was vormachen, oder uns runterziehen lassen.

Das alles heißt natürlich nicht, dass man nicht für den anderen da sein sollte, oder etwa gleichgültig. Der Unterschied liegt zwischen Mitgefühl und Mitleid. Wir leiden nicht mit, aber wir können trotzdem die negativen Gefühle des anderen wahrnehmen, Mitgefühl ausdrücken, Support zeigen – und dabei selbst zufrieden bleiben.

Das alles heißt natürlich auch nicht, dass ich denke, dass alle Paare jetzt nie mehr was allein machen sollten und dass ja jeder auch wenn er 24/7 mit seinem Partner zusammen ist, glücklich und frei ist. Natürlich nehmen wir uns trotzdem beide Zeit für uns raus, ich verreise mal allein, er hat seine Tage, an denen er macht, was er will, ich gehe allein ins Café und schreibe meine Gedanken auf, er bleibt allein einen Nachmittag auf dem Sofa und liest Zeitung usw.

Die Quintessenz ist einfach, dass ich denke, dass viele Paare (oder Beziehungen im allgemeinen) daran scheitern, dass sie sich in eine emotionale co-Abhängigkeit begeben und diese dann falsch interpretieren und anstatt sich auf der emotionalen co-Abhängigkeit zu lösen, sich gleich aus der ganzen Beziehung lösen.

Und das muss meiner Meinung nach oft gar nicht sein.

Und letztendlich hat das Ganze auch wieder mit Selbstliebe zu tun… das ist mir aufgefallen, nachdem ich den letzten Post von Madlen Boheme gelesen habe, in dem sie über Selbstliebe schreibt. Sie geht das Thema zwar ganz anders an, als ich hier, aber letztendlich geht es auch das Gleich hinaus: wenn wir uns selbst lieben, wahrnehmen und schützen, dann können wir zufrieden und glücklich sein, egal ob in einer Beziehung oder allein. Wenn wir auf uns achtgeben und uns nicht in emotionale Co-Abhängigkeit begeben, dann zeigen wir uns letztendlich, dass wir uns lieben und wir es wert sind, dass wir auf uns aufpassen…

Ich höre hier mal auf aber ich kann mir sehr gut vorstellen,dass eine Fortsetzung folgt…

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