Über einen Alternativen Ansatz zum Thema Selbstliebe

Selbstliebe. Dieses riesen Wort, was derzeit überall die Social Media Kanäle und Bestsellerlisten bestimmt. Zu recht. Es ist ein wichtiges und ein gutes Thema und ich freue mich, dass die “spirituelle Revolution” durch das Thema Selbstliebe bei immer mehr Menschen ankommt. Wie jedes Thema kann auch das Thema Selbstliebe ganz unterschiedlich ausgelegt und gedeutet werden und ich möchte hier und heute einen alternativen Ansatz zu dem Thema bieten.

Warum? Weil ich bemerkt habe, dass das Thema Selbstliebe oft und schnell auch mit Selbst-Bezogenheit in Verbindung gebracht wird und ich würde das gerne etwas differenzieren. Selbst-Bezogenheit muss nicht unbedingt einhergehen mit Selbstliebe und Selbstliebe wiederrum muss kein bisschen mit Selbst-Bezogenheit zu tun haben. Eher im Gegenteil.

Schauen wir uns das kurz etwas aus der Distanz an: was braucht der Mensch für ein glückliches Leben? Das hat die Wissenschaft mittlerweile beantworten können: stabile Beziehungen und ein gutes soziales Netz (natürlich auch ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen, aber mal abgesehen davon)! Studien haben mittlerweile gezeigt, dass es Menschen dann gut geht, wenn sie gute Beziehungen zu anderen Menschen haben. Wir sind soziale Wesen und wir sind abhängig von dem Kontakt zu anderen. Wir Menschen gehen ein, wenn wir isoliert sind. Nicht umsonst ist eine Einzelzelle die höchste Strafe im Gefängnis. Obwohl den meisten Menschen mittlerweile sehr bewusst ist, dass sie als Teil eines Netzwerks glücklicher sind, als wenn sie isoliert allein leben, ist Individualismus nach wie vor von vielen als Ziel angesehen. Wer sich allein “hochkämpft” bekommt Respekt, wer sein eigenes Ding durchzieht, ist ein Held. Aber niemand kann ganz allein alles schaffen, sei es alle Kompetenzen abdecken oder sei es eben glücklich sein.

Das als kleiner Vorspann zu meinem alternativen Umgang mit Selbstliebe.

Nun zu uns als Individien. Wir wissen mittlerweile, dass es wichtig ist, dass wir einen liebevollen Umgang mit uns selbst praktizieren. Wir sind einfach glücklicher, wenn wir freundlich zu uns selbst sind. Wenn wir mit uns sorgsam umgehen, uns mit Mitgefühl begegnen und liebevoll zu uns selbst sind. Wir sind aber auch dann glücklicher, wenn wir freundlich, emphatisch und liebevoll zu anderen sind!

So einfach so gut nicht wahr? Und jetzt nehmen wir an, man möchte sich selbst mehr lieben – und zufriedener mit sich selbst leben. Was kann man tun um das zu erreichen?

Da gibt es in den Social Media Kanälen viele Ideen und massenhaft Bücher zum Thema: akzeptiere deinen Körper so wie er ist, meditiere, arbeite mit Affirmationen, mach Yoga, schreibe Tagebuch, etc. etc.

Lauter Sachen bei denen man sich sehr mit sich selbst beschäftigt. Das kann auch durchaus hilfreich und sehr gut sein. Es ist wichtig sich selbst kennenzulernen, damit man machen kann, was einen erfüllt und man sich und das Leben somit auch eher lieben kann. Es ist wichtig, dass man den liebevollen Umgang mit sich selbst beachtet und sich selbst stets mit Mitgefühl begegnet. Es ist auch wichtig, sich selbst zu sagen, dass man sich liebt – es kann aber auch dazu führen, dass man sich immer mehr mehr und mehr auf sich selbst konzentriert. So sehr, dass man alles auf sich selbst bezieht. So sehr, dass man sich selbst als Mittelpunkt der Welt sieht. So weit, dass man sich innerlich unbewusst mehr und mehr abgrenzt von dem Netzwerk in dem wir leben; von anderen Menschen, von dieser Welt, von Mutter Erde. Und wenn das passiert, fällt es schwer wirklich glücklich zu sein – denn, wie oben geschrieben, können wir als Menschen nur dann glücklich sein, wenn wir in guter Verbindung mit dem Großen Ganzen sind.

Eine alternative Möglichkeit zu mehr Selbstliebe zu finden, ist der umgekehrte Weg: konzentriere dich mehr auf andere!

Vom Dalai Lama bis zu Gandhi und über Deepak Chokpra wird genau das empfohlen: wenn du glücklich sein willst und in Liebe mit dir selbst leben willst dann tu etwas für andere! Es ist der einfachste und schnellste Weg zu Zufriedenheit – auch Zufriedenheit mit sich selbst.

Ich möchte das noch mit einem Beispiel untermalen: Sommer der “Flüchtlingskrise” hier in Leipzig. Ich gehe mit einer Bekannten in der Nähe einer Notunterkunft spazieren und erzähle ihr, dass ich gerne helfen möchte und frage, ob sie in den nächsten Tage mit zu einer Spendenannahme-Stelle kommen möchte. Sie zögert etwas und sagt dann “ach weißt du, ich muss mich gerade erstmal mehr mit mir beschäftigen, ich kann gerade nichts für andere zu tun”.

Jetzt gibt es sicherlich die eine Fraktion die sagt: yeah super, diese Frau ist voll in sich und merkt, wenn ihr etwas zu viel wird und kümmert sich richtig gut um sich, toll!

Aber wird diese Frau wirklich glücklich, wenn sie nun in ihr Zimmer geht und über sich selbst meditiert? Die Tür zur Welt zu macht!? Vielleicht ja. Ich kann es natürlich nicht beurteilen, aber ich glaube nicht daran. Ich glaube, dass wir nur glücklich werden, wenn wir uns als Teil des Großen Ganzen sehen, nicht als Mittelpunkt, sondern als kleiner, winziger Teil. Bedeutsam aber winzig. Wenn diese Frau sich nun entscheiden würde, sich selbst als Teil dieser ganzen großen Welt zu begreifen, dann könnte sie vielleicht eher helfen und würde sich dabei vielleicht sofort besser fühlen, würde vielleicht wieder mehr spüren, wer sie selbst ist, sich selbst wieder als Teil der Gesellschaft spüren, merken wie die positive Energie, die sie durch ihre gute Tat ausstrahlt, sofort zu ihr zurück kommt, sie neue Energie bekommt, dadurch, dass sie jemanden eine Freude gemacht hat – und sie könnte mit sich zufrieden sein und der Weg zu mehr Selbstliebe wäre ein weiteres Stück weit geebnet.

Ich meine hier keine Millionenspenden, auch keine humanitäre Einsätze in einem Land des globalen Südens, ich meine die einfachen kleinen Entscheidungen im Leben: der Umgang mit dem Obdachlosen um die Ecke, die Entscheidung der überarbeiteten Nachbarin ein Mittagessen zu kochen, der alten Dame über die Straße zu helfen. Aber auch Entscheidungen darüber welche Unternehmen man unterstützt, welcher Arbeit man nachgeht, was man zu sich nimmt.

Was geht mich der Rest der Welt an, wenn es MIR jetzt gerade gut tut etwas ganz anderes zu tun? Ich liebe MICH und will MIR Gutes tun und deswegen mach ich das jetzt!

Diese Art Sätze sehe und höre ich leider immer wieder und das macht mich ziemlich traurig. Wir sind ganz einfach nicht allein auf der Welt! Wir sind ein Teil des Ganzen und nur, wenn wir uns als solches sehen, können wir auch wahre Liebe spüren – davon bin ich überzeugt!

Jedes Stück Salami was wir essen, war einmal ein Tier mit einer Seele und Bedürfnissen, jedes mal, wenn wir uns entscheiden, jemanden nicht zu helfen, entscheiden wir uns gegen die Humanität und für die Teilung der Gesellschaft, jedes Mal, wenn wir uns entscheiden, dass es nur um UNS geht, entscheiden wir uns gegen das Kollektiv, in dem jeder seine Rechte und seinen Platz hat.

Das heißt natürlich nicht, dass wir jetzt alle wie Gandhi auf alle Besitzttümer verzichten sollten und uns ganz dem Gemeinwohl widmen sollten. Es heißt auch nicht, dass wir uns aufopfern sollten. Es heißt auch nicht, dass wir uns jetzt auf all das Schlimme in der Welt konzentrieren sollten, damit wir wissen, was wir ändern wollen. Es heißt allerdings, dass wir aufhören sollten, uns selbst als Mittelpunkt der Welt zu sehen. Das sind wir nämlich schlicht und ergreifend nicht. Und trotzdem sind wir einzigartig, wundervoll und wert geliebt zu werden – genauso wie JEDER andere da Draußen auch. Egal ob Mensch oder Tier!

Wir sollten natürlich tun, was wir lieben – solange es niemanden schadet – wir sollten natürlich Zeit mit uns allein verbringen und meditieren, wir sollten natürlich stets einen liebevollen Umgang mit uns selbst pflegen. Nur das Maß sollten wir auch kennen und uns bei jeder Handlung bewusst machen, dass alles, was wir tun einen Einfluss auf diese Welt hat. Jede Entscheidung trägt zu einer besseren oder einer schlechteren Welt bei. Das mag überzogen klingen, aber wenn einfach alle Menschen eines Tages die klitzekleine Entscheidung treffen sollten, keine Strohalme mehr zu verweden, dann ist das zwar für jeden Einzelnen eine winzige Entscheidung, die das Leben kaum berührt, würde auf der gesamten Welt aber viel verändern! Und so ist es auch mit Selbstliebe und mit Nächstenliebe. Würde jeder Mensch auch nur einen fremden Menschen am Tag liebevoll anlächeln und ihm im Geiste alles Liebe wünschen – was meint ihr was das bei 7 Milliarden Menschen für eine Auswirkung hätte?

Ich liebe mich, aber ich bin deswegen nicht wichtiger als irgendjemand anders da draußen. Ich bin wertvoll, aber ich bin nicht wertvoller, als irgendjemand anders. Ich bin es wert, dass man mich gut behandelt und genauso ist es jeder andere da draußen.

Zusammengefasst stelle ich also die These auf, dass Selbstliebe nur dann wirklich funktioniert, wenn sie immer auch die Liebe für alle anderen beeinhaltet. Genau wie meine Namensvetterin Rosa Luxenburg sagte: Freiheit ist immer auch die Freiheit der anderen, so füge ich dem hinzu: Liebe zu sich selbst ist immer auch die Liebe für alle anderen.

Und nun bin ich gespannt, was ihr dazu sagt 🙂

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