Über Druck – und Vertrauen

Warum machen wir uns Druck? Und wie werden wir ihn los?

Ich sitze gerade ziemlich verzweifelt in meinem Büro und versuche die Ruhe zu bewahren. Mir sind zwei wichtige Kunden abgesprungen und ich weiß nicht, wie ich das nun entstandene Loch wieder stopfen soll. Es fühlt sich an, als würde mich plötzlich alles aus der Hand fallen und ich stelle direkt alles in Frage. Meine Arbeit, den Sinn meines Lebens, mich als Person, mein Unternehmen.

Das geht bei mir leider immer sehr schnell, insbesondere wenn ich in einer emotionalen Phase bin (wenn ich müde bin, bald meine Regel bekomme, gerade ein trauriges Erlebnis hatte etc.) und ich arbeite seit Monaten daran, mit diesen Phasen besser umzugehen. Der Kreislauf ist meist immer der gleiche: ich bin „weak“, schwach auf Grund von zunächst äußeren Umständen (meine Tochter weckt mich jeden morgen um 5Uhr, meine Tante stirb, ich habe eine Fehlgeburt, ich bekomme meine Tage…) und schaffe es daraufhin nicht, diese äußeren Umstände im Außen zu lassen. Ich fange an, sie auf mich zu beziehen und fühle mich weniger wertvoll, weniger geliebt, nicht mehr so kompetent und stark. Dann passiert vielleicht eine Kleinigkeit; mein Mann versteht mich falsch, ein Kunde springt ab, meine Tochter weint im Schlaf und ruft nach Mama. Sofort stelle ich alles in Frage und bin komplett „außer mir“, schaffe es also nicht, mich weiterhin bedingungslos zu lieben und zu akzeptieren, sondern bewerte mich, verurteile mich und übe Druck auf mich selbst aus (ich kann nicht vernünftig artikulieren, was ich sagen will, deswegen versteht mein Mann mich nicht. Ich mache meine Arbeit nicht gut, deswegen springt ein Kunde ab. Ich gebe meiner Tochter nicht genug Sicherheit, deswegen ruft sie im Schlaf weinend nach mir). Und schon bin ich mit meinen Gedanken komplett im Äußeren und in einem furchtbaren Kreislauf gefangen.

Wie kommt man da wieder raus? Wie kommt man raus aus diesem Loch, in dem man sich eingesperrt fühlt, ein großer Stein auf dem Rücken, der einen zu Boden drücken möchte. So jedenfalls fühlt sich der Druck an, den ich mir in so einer Situation mache.

Ich habe verschiedene Möglichkeiten gefunden, die mir helfen mit so einer Situation umzugehen. Ich muss in jedem Fall erstmal ordentlich weinen. Das klingt banal aber es hilft mir einfach sehr, den Druck erstmal rein physisch rauszulassen. Wenn das überstanden ist, frage ich mich, wie ich mich gerne fühlen möchte (eine Übung die auch in anderen schwierigen Situationen sehr gut hilft!). Fast immer, wenn ich mich frage wie ich mich fühlen möchte, habe ich als Antwort „im Vertrauen“. Ich möchte einfach vertrauen können. Dann konzentriere ich mich auf dieses Gefühl, was ich gerne hätte. Warum schaffe ich es gerade nicht, dieses Gefühl zu haben (konkret drüber nachgedacht, gibt es plötzlich gar keinen Grund), wie würde sich dieses Gefühl anfühlen, wenn ich es jetzt spüren würde (ah, da kommt es schon langsam…) und wie wäre es, wenn ich dieses Gefühl nun einfach festhalte und bei mir behalte!?

Manchmal hilft es auch, sich das Gefühl, das man gerne hätte laut als Mantra aufzusagen „ich möchte vertrauen, ich möchte vertrauen“ oder es in eine Thymusklopfen-Übung einzubauen (seit meiner Klopftherapie bin ich großer Fan vom Thymusklopfen. Einfach mal googlen).

Und auf einmal merke ich, wie der Druck verschwindet. Wie ich wieder vertraue. Wie ich wieder „in mir“ bin. Wie sich meine Gedanken plötzlich ändern und ich denke „spannende Herausforderung, ich bin gespannt wie ich sie meistern werde“ oder „ich weiß, dass ich eine gute Mutter bin und auch ich hab manchmal schlechte Träume über meinen Mann, obwohl er der beste Mann der Welt ist“ oder „mein Mann liebt mich genau wie ich bin und wir können wunderbar kommunizieren und verstehen uns gut, wenn er morgens um 6Uhr, nach einer kurzen Nacht während unsere Tochter seine Aufmerksamkeit will und er erst halb wach ist, einen Punkt den ich anspreche nicht versteht, ist das nicht meine Schuld.“

Und schon fühle ich mich wieder gut!

Wer die Möglichkeit hat, mit jemanden über seine Gefühle zu reden, jemand der zuhört, ohne ständig mit „guten Ratschlägen“ zu intervenieren, dann kann das auch Wunder wirken. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass JEDE Antwort auf ein Problem, das wir mit uns herumschleppen nur in uns selbst liegt und nirgendwo sonst. Deswegen glaube ich auch nicht an gute Ratschläge, sondern an gutes Zuhören. Wer jemanden hat, der so zuhören kann, dass man es selbst schafft weiter zu denken, als man es bisher konnte, dann hat man meist sehr viel mehr gewonnen, als wenn man mit Ratschlägen bombardiert wird. In unserer schnelllebigen Gesellschaft hat man oft gar nicht die Zeit „zu Ende“ zu denken, da man immer wieder unterbrochen wird und so findet man häufig aus Gedankenschleifen nicht mehr heraus. Mit jemanden zu reden, der aufmerksam zuhört und es ermöglicht, dass man weiter denkt, als man es allein geschafft hätte, ist ein riesen Geschenk für jeden! Mehr Inspiration zu dem Thema gibt es übrigens in einem meiner Lieblingsbücher: Time to Think!

Schreiben hilft fast genauso gut. Ich habe diesen Text aus gegeben Anlass geschrieben. Mir ging es zu Beginn des Schreibens genauso, wie oben beschrieben. Und es geht mir jetzt, zehn Minuten später genauso, wie unten beschrieben. Schreiben ist auch eine Art konzentriertes Denken, ein Denken in dem man nicht so leicht abgelenkt wird und dadurch nicht weiterkommt, sondern sich im Kreis dreht.

Was ist deine favorisierte Möglichkeit mit Druck und anderen negativen Gefühlen umzugehen? Ich würde mich freuen, von dir zu lernen und mich inspirieren zu lassen!

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