Über Dankbarkeit, Positives Denken, Selbstliebe – und Stress

In meinem Post über das Jahr 2017 schrieb ich, dass 2017 eine große Herausforderung für mich war und ich oft an meine Grenzen gestoßen bin. Es war schwierig für mich, die verschiedenen Verantwortlichkeiten in meinem Leben unter einen Hut zu bringen, ohne mich dabei zu vergessen und zu übersehen. Ich habe aus diesen Herausforderungen viel gelernt und bin sehr dankbar für das Wachstum, was ich 2017 innerlich erleben durfte.

Nun bekam ich als Reaktion auf den Post einen Kommentar von jemanden, der ebenfalls viele Herausforderungen im Leben hat. Objektiv betrachtet vielleicht „größere“  Herausforderungen als ich sie habe. Im Kommentar stand, dass ich nicht wüsste was echter Stress ist und dass ich dankbar sein sollte, anstatt zu schreiben, dass ich ein herausfordernes Jahr hatte. Dieser Kommentar hat mich zu diesem Post hier angeregt. Der erste meiner deutschen Posts. Nur Schrift. Keine Bilder. Nur Gedanken.

In unserer Gesellschaft, insbesondere in unserer Generation, damit meine ich Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, gibt es mittlerweile einen weit verbreiteten Konsens: es ist wichtig, dass man positiv denkt und dankbar ist für das was man hat. Das ist ein schöner Gedanke und auch ich teile ihn. Zu einem großem Teil. Denn wie jeder Glaubenssatz lässt sich auch dieser unterschiedlich interpretieren. Man kann ihn interpretieren, wie die Dame, die den Kommentar schrieb und sagen „du hast kein recht, dich zu beklagen, denn du solltest dankbar sein und positiv denken.“ Wenn man ihn so interpretiert entsteht ein gewisser Druck: man hat kein Recht auf Traurigkeit, man darf nicht unzufrieden sein, man darf nicht gestresst sein. Wenn man solche Gefühle hat, dann gilt es sie mit positiven Gedanken zu übertrumpfen und schnell daran zu denken, wie viele Menschen auf der Welt es viel schlechter haben, als du selbst. Aber dadurch wird man auch taub. Man erlaubt sich selbst nicht mehr seine Gefühle zuzulassen. Was ist schon mein Stress im Vergleich zu der jungen syrischen Mutter die gerade ihr Baby im Mittelmeer verloren hat und ohne Jacke durch die verschneite Ukraine wandert um irgendwo eine neue Zukunft aufbauen zu können? Nichts! Also verdränge ich ihn.

Wenn ich aber den Stress, die Trauer, den Frust mit solchen Vergleichen verdränge und mir sage, dass ich stattdessen dankbar sein sollte, dann bleibt er doch irgendwo da. Er äußert sich dann vielleicht später anders. Bei mir zum Beispiel durch eine Röschenflechte die meinen gesamten Rumpf mit roten Pusteln dekoriert. Denn er will ja raus. Er muss ja raus. Er ist ja pures Cortisol und Adrenalin, das meinen Körper belastet, wenn ich es nicht raus lasse.

Wenn ich nun sage „ich sollte dankbar für meine Tochter sein, anstatt mich damit zu frustrieren, dass ich meiner Meinung nach gerade nicht genau die Mutter bin, die ich gerne wäre“. Dann kann ich das tun. Ich kann dankbar sein und das Positive sehen, sehen wie wunderbar meine Tochter ist und wie gut sie sich entwickelt. Aber ich werde dadurch die Selbstzweifel die zu meinen Gedanken geführt haben, nicht einfach auslöschen. Die kommen ja von ganz woanders her. Zum Beispiel daher, dass ich gerade generell unzufrieden mit mir bin, weil ich immer eine sehr unabhängige Frau war und nun auf einmal keine freien Entscheidungen mehr treffen kann und mich das manchmal unzufrieden macht und sich diese Unzufriedenheit auf meine Tochter überträgt.

Da hilft mir all die Dankbarkeit und all das positive Denken nichts. Da muss ich einfach anerkennen, dass mich ein Thema traurig macht, stresst, frustriert, hemmt, etc. und wenn ich das anerkenne und wenn ich darüber rede (oder schreibe), dann kann ich lernen damit umzugehen. Es kann sogar passieren, dass die Vergleiche mit anderen, denen es schlechter geht, mich unter Druck setzen und so noch zusätzlichen Stress aufbauen. Je mehr ich versuche mich von meinen Gefühlen zu distanzieren, je mehr ich sie verurteile, je weniger ich „bei mir bleibe“, desto schwieriger wird es letztendlich sie zu überwinden.

Ich werde niemals lernen mit meinen Herausforderungen umzugehen, wenn ich sie einfach klein rede, einfach sage, ich habe es ja besser als andere und meine Herausforderungen sind es nicht wert, ernst genommen zu werden!

Erst wenn ich sie als solche anerkenne, wenn ich meine Gefühle annehmen, sie anerkenne, sie liebevoll als Teil von mir sehe, erst dann kann ich lernen mit ihnen umzugehen, aus ihnen lernen, wachsen und sie überwinden. Und dann kann ich ihnen auch dankbar sein. Ehrlich dankbar.

Wenn ich hier „ehrlich“ dankbar schreibe, meine ich damit nicht, dass andere Dankbarkeiten weniger ehrlich sein müssen. Die Dankbarkeit die ich gegenüber meinem Mann empfinde, wenn er mir eine Stunde Ruhe organisiert oder die Dankbarkeit, die ich gegenüber dem Universium spüre, dafür, dass es diese Welt und mein Leben gibt, die ist natürlich auch ehrlich. Hier meine ich eher den Unterschied zwischen der „ich muss aber dankbar sein, weil es anderen so viel schlechter geht“ und der „ah, ja, ich bin unzufrieden und das ist okay, weil ich mich gerade zu wenig um mich selbst kümmere und jetzt habe ich das erkannt und bin dafür dankbar“.

Und letztendlich hat das auch mit Selbstliebe zu tun. Denn wenn ich mich liebe, dann stehe ich mir zu, dass ich frustriert sein darf, traurig sein darf, wütend sein darf. Ich verurteile mich nicht dafür (a la „jetzt jammerst du hier weil du dich um dein Kind kümmern musst und andere Frauen können nicht mal Kindern kriegen“), sondern ich nehme meine Gefühle dankbar wahr. Ich erkenne vielleicht, dass ich gerade nicht ganz bei mir bin, weil ich anscheinend gerade unzufrieden bin. Ich denke darüber nach, warum das so sein könnte (a la „wann war ich eigentlich das letzte Mal einen nachmittag allein“/“wann war ich eigentlich das letzte mal mit einer Freundin Kaffee trinken“) und stelle vielleicht fest, dass es etwas gibt, was mir aktuell fehlt und was ich mal wieder tun sollte – meiner selbst zuliebe.

Dann werde ich auch ruhiger, denn ich weiß jetzt, was es ist, was mir gerade fehlt, was mich gerade unzufrieden macht und ich kann erkennen, dass ich daran etwas ändern kann. Ich kann mir sagen „ja, jetzt gerade bin ich einfach nur für mein Kind da, aber in einer Stunde, wenn sie schläft, dann kann ich mich hinsetzen und einen Text zu meinen Gedanken schreiben und am Samstag treffe ich eine Freundin auf einen Kaffee und vielleicht sollte ich auch direkt nochmal einen Abend in Berlin bei einer anderen Freundin planen, damit ich nächste Woche mal ganz rauskomme und wieder etwas Abstand gewinne.“ Und schon stellt sich Zufriedenheit ein und ich kann den Moment wieder genießen.

Natürlich sind Dankbarkeit und auch positives Denken sehr wichtige und tolle Eigenschaften. Es ist wie gesagt, die Frage wie man sie interpretiert und auslebt. Ich denke generell sehr positiv und ich bin randvoll mit Dankbarkeit. Aber ich verurteile mich nicht, wenn ich trotz allem, was mir jeden Tag geschenkt wird, Unzufriedenheit verspüre. Ich erforsche sie lieber und finde ihre Ursache. Und dann verspüre ich eben diese andere „ehrliche“ Dankbarkeit. Keine in der ich mich mit anderen vergleiche und denke, dass es mir besser geht als anderen und ich deswegen dankbar sein muss, keine die ich mir aufzwinge. Sondern eine in der ich selbst eine Lösung für eine persönliche Herausforderung gefunden habe. Eine Dankbarkeit gemischt mit Stolz (darüber dass ich selbst Lösungen finden kann und mich verstehen, annehmen und lieben kann), Zufriedenheit und Liebe zu mir selbst.

Wenn ich diesen kleinen Text jetzt nochmal durchlese, fällt mir auf, dass das, was ich oben so beschrieben habe, eigentlich ziemlich einer Defintion von Selbstmitgefühl entspricht. Interessant, wie man manchmal ein ganz anderes Thema im Kopf hat und dann im Nachhinein merkt, dass man auch über ein ganz anderes Thema geschrieben hat.

Kurz zusammgengefasst, muss man wohl also, meiner Meinung nach, erst in der Lage sein Selbstmitgefühl und Selbstliebe zu spüren, bevor man ehrliche Dankbarkeit für jede Situation im Leben spüren kann. Oder? Da werde ich nochmal weiter drüber nachdenken…

 

Könnt ihr meine Gedanken nachvollziehen? Ich bin gespannt von euch zu lesen!

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